Die angewandte Rechtspsychologie oder forensische Psychologie ist je nach Lesart bereits deutlich über ein Jahrhundert alt (Köhler & Scharmach, 2013). Dabei hat sich die Rechtspsychologie seit den 1980er-Jahren als Teildisziplin der Psychologie etabliert und in unterschiedliche Schwerpunktbereiche differenziert. Während andere Teilgebiete der Psychologie gut vernetzt sind und sich diverse Verzeichnisse finden lassen, um approbierte Kolleg*innen schnell auffindbar zu machen, ist die Landschaft der Rechtspsychologie auch 40 Jahre später noch weitgehend unübersichtlich und zerstreut. Zwar existiert ein Register des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) und der  Tochtergesellschaft die Deutsche Psychologen Akademie GmbH (DPA), jedoch umfasst dieser lediglich Fachpsycholog*innen für Rechtspsychologie und deckt nicht ansatzweise einen Großteil der als Sachverständigen tätigen Kolleg*innen ab, die ohne Fachweiterbildung tätig sind oder ihre Fachkompetenz durch einen Masterstudiengang der Rechtspsychologie erlangt haben und bietet auch darüber hinaus nur spärliche Informationen.

Vor allem im Lehrbetrieb kommen Studierende auf die Dozierenden häufig mit Fragen zu, die die Verfügbarkeit von Praktikumsplätzen, Hilfskraftstellen oder die Einarbeitung nach dem Studium betreffen. Dabei basieren die weitergegebenen Informationen meist auf Mundpropaganda und sind nur selten aktuell. Auch von diversen Praxisgemeinschaften organisierte Fortbildungsangebote sind in der Regel nur auf den jeweiligen Websites zu finden und erfordern gezielte Recherche. Außerdem gestaltet sich für beauftragende Institutionen, wie Gerichte und Staatsanwaltschaften, die Sachverständigenlandschaft unübersichtlich, sodass das Vergeben von Aufträgen oft zahlreiche Telefonanrufe erfordert.

Um diesen und weiteren Problemen zu begegnen, hat das Zentrum Unabhängiger Sachverständiger (ZUS) in Hamburg das Projekt Rechtspsychologie.Online (https://www.rechtspsychologie.online/) ins Leben gerufen. Hierbei handelt es sich um ein freies Verzeichnis von und für Rechtspsycholog*Innen. Dort kann jede/r Sachverständige eine digitale Visitenkarte hinterlassen. Obligatorisch ist lediglich die Angabe des Namens und der Adresse, welche genutzt werden, um die Abbildung auf einer Deutschlandkarte vorzunehmen. Zahlreiche weitere Informationen können auf Wunsch hinterlegt werden, wie weiterführende Kontaktdaten, eine Internetadresse, die Verfügbarkeit für neue Aufträge, Vergabe von Praktikumsplätzen, Hilfskraftgesuche oder auch spezielle Arbeitsschwerpunkte in Form von Schlagworten. Dies ermöglicht anderen Sachverständigen, Studierenden und Auftraggebern eine gezielte Suche nach unterschiedlichsten Kriterien. So können beispielsweise Studierende nach Praxen in der Nähe suchen, welche eine Einarbeitung anbieten oder etwa studentische Hilfskräfte benötigen, Auftraggeber erfahren mit einem Klick, welche Sachverständigen aktuell freie Kapazitäten haben und es können schnell Kolleg*Innen mit ähnlichen Arbeitsschwerpunkten gefunden werden, um etwa Intervisionsgruppen zu bilden. Die Einträge im Verzeichnis können von den Erstellern beliebig aktualisiert und frei bearbeitet werden. Rechtspsychologie.Online ist kostenfrei und kann ab sofort genutzt werden.

Psych. M.Sc. Sven Ritter

Fachpsychologe für Rechtspsychologie gemäß BDP/DGPs
Zentrum Unabhängiger Sachverständiger Hamburg

Literatur

Köhler, Denis & Scharmach, Katrin. (2013). Zur Geschichte der Rechtspsychologie am Beispiel der Sektion Rechtspsychologie des BDP. Praxis der Rechtspsychologie. 455-468.

So erschienen in: “Die Vernetzung der Rechtspsychologie.” Praxis der Rechtspsychologie. (2/2022). Web: https://www.praxis-der-rechtspsychologie.de/